
Während nahezu neun Jahrhunderten war Luxemburg eine befestigte Stadt, ja sogar eine derart mächtige Festung, daß man ihr den Beinamen "Gibraltar des Nordens" gab. Später, als Folge des "Londoner Vertrages" aus dem Jahr 1867, wurde das Großherzogtum zum ewig neutralen Staat erklärt, und die Festung innerhalb weniger Jahre geschleift. Somit verlor die Stadt ihre militärische und politische Bedeutung. Wie konnte nun der Abstieg zu einer kleinen, belanglosen Provinzstadt, fernab der großen Neuerungen, vermieden werden ?
Die Stadt besaß damals jedoch zwei entscheidende Vorteile. Der erste lag im Schleifen der Festung selbst. Nach den anfänglichen Befürchtungen erkannte man die neu entstandene Möglichkeit einer Ausdehnung der Stadtgrenzen. Nach der Jahrhunderte währenden Enge in den Mauern aus dem 14. Jahrhundert konnte die Stadt endlich wieder frei atmen. Unsere Vorfahren wußten die neue Freiheit geschickt zu nutzen, wie die Grünanlagen des Stadtparks am Westrand des alten Stadtkerns beweisen. Auch die neuen Wohnviertel auf dem Limpertsberg und in Belair sowie die beispielhafte Bebauung des Plateau Bourbon, des heutigen Bahnhofsviertels, mit der breiten Avenue de la Liberté und ihren architektonisch abgestimmten Häusern, darunter die imposanten Gebäude der Staatssparkasse, der Eisenbahnverwaltung, des ARBED-Stahlkonzerns und des Hauptbahnhofs, zeugen von der Vernunft, mit der damals die Stadtplanung betrieben wurde. Atmosphärische Plätze, wie der Pariser-Platz oder der großzügige Bahnhofsvorplatz, wurden leider in den sechziger Jahren von Maklern und Architekten mit wenig Sinn für die schönen Dinge vergangener Zeiten verschandelt.
Der zweite Vorteil waren und sind die Flußtäler der Petruß und der Alzette, welche die Altstadt von drei Seiten umgeben. Sie bieten einige ganz besonders reizvolle Aussichten, die auch Johann Wolfgang von Goethe 1792 begeisterten und die zahlreiche Maler inspirierten, darunter Turner, Selig, Fresez, Liez, Kutter und so manchen unbekannten Sonntagsmaler. Das Besucherinteresse für Luxemburg im 20. Jahrhundert beruht großenteils auf der landschaftlichen Schönheit und den historischen Überresten aus der Festungszeit Luxemburgs, allen voran die Kasematten.




